Stell dir vor, du bist ein sehr guter deutscher Schachspieler und bekommst die einmalige Gelegenheit an einem Turnier teilzunehmen, dessen Gewinner den Schachweltmeister herausfordern darf. Zur Vorbereitung bekommst du ein paar Monate Zeit und erhältst durch Crowdfunding ca. 21.000 Euro, der Deutsche Schachbund gibt 25.000 Euro, und sogar das Bundeskanzleramt läßt 36.000 Euro springen.
Klar, deine Sekundanten kosten Geld, aber dir winkt ja auch ein ordentlicher Geldpreis. Du beschließt, dir neben Französisch und Caro-Kann eine neue Hauptwaffe gegen 1.e4 zuzulegen. Vielleicht eine der vielen Sizilianisch-Varianten, um auch mit Schwarz etwas aggressiver agieren zu können. Oder Spanisch und Italienisch, um den Gegner auch hier mal zu überraschen.
Doch dann entkorkt dieser Spieler Russisch! Okay – nein, nicht okay. Enttäuschung. Caruana spielt die Nebenvariante 3.Sc4 und gewinnt. Nach 7 Runden steht man bei -1, und das Turnier ist gelaufen. Es geht nur noch um Schadensbegrenzung. Da hätte man sich doch gleich selber auswechseln und stattdessen Keymer ranlassen sollen.
Wie man es richtig macht zeigt der junge Usbeke Sindarov mit 6/7 nach dem ersten Umlauf. Er spielt erfrischendes und kämpferisches Schach. Wenn er jetzt nicht noch komplett das Muffensausen bekommt wird er zu Recht Gukesh herausfordern.
Unser Spieler hätte sich da doch lieber mal eine Ecke von Jan Timman abschneiden sollen. Dessen Partien oft sehr kreativ angelegt und abwechslungsreich waren. Gegen die Weltmeister hatte er oft das Nachsehen, aber immerhin bekam er 1992 durch eine Laune Kasparovs die Chance, um den WM-Titel zu spielen. Leider war Karpov damals noch zu stark.
Timman träumte sehr oft von Tal, Karpov & Co. In seinem Kopf erwachten die Stellungen zum Leben, und manchmal fand er so auch eine Verbesserung oder Idee.
Ich kenne das. In meinen jungen Jahren versuchte ich, die Stellung nach 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.g3 OO 6.Lg2 e5 7.Sf3 Sbd7 8.OO Te8 9.Te1 c6 10.h3 exd4 11.Sxd4 Db6 12.Te2 zum Laufen zu bringen. Fand damals aber irgendwie kein Mittel gegen 12…Sg4. Das Nehmen des Springers ist nicht so toll für Weiß und 13.Sc2 überzeugte mich auch nicht. Nach Monaten – oder waren es Jahre? – fand ich dann eines Nachts Td2. Gespielt hat dies in dieser Form allerdings noch niemand gegen mich.
Eigentlich wollte ich etwas über die Kraft des Springers erzählen, als Gegenpart zu unserem Läuferendspieltraining. Damit kann ich besser umgehen als mit dem Läuferpaar, wo nach einer Ungenauigkeit der Vorteil weg ist. Doch ich musste mich erstmal über unseren WM-Kandidaten echauffieren.
Nun denn zum Abschluss noch ein wenig Heiterkeit in der sonst so trüben Welt.
